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Zu (2)

Zu zweifeln schließt ein, unvollständig und endlich zu sein. Durch die Einsicht in seine eigene Unvollständigkeit gewinnt das Denken die Idee Gottes.
Wenn ich mich beim Zweifeln betrachte und sehe, dass ich eine unvollständige und abhängige Sache bin, so kommt mir eine klare und deutliche Idee eines unabhängigen und vollständigen Wesens, das Gott ist.gif
Zwar kann zu allererst, wie in den Meditationen geschehen, das endliche Denken als solches eingesehen werden, aber implizit ist damit bereits der Begriff des unendlichen Denkens vorausgesetzt. Burman gegenüber erläutert Descartes:
Wir können nämlich oberflächlich unsere Unvollkommenheit vor Gottes Vollkommenheit erkennen, weil wir uns betrachten können, bevor wir Gott betrachten, und wir können auf unsere Endlichkeit schließen, bevor wir auf die Unendlichkeit Gottes schließen.Implizit jedoch muss immer die Einsicht in Gott und dessen Vollkommenheit derjenigen in uns und in unsere Unvollkommenheit vorangehen.gif
Dies gilt insbesondere für den Mangel an Wahrheit und Gewissheit. Aus dem Zweifel, ob p, folgt für Descartes, unter Anwendung des principle of plenitude, die prinzipielle Möglichkeit zu wissen, dass p. Der Begriff Gottes folgt damit aus der Möglichkeit des Denkens, zu irren.Nur durch den Gottesbegriff kann der Irrtum als ein Mangel an etwas begriffen werden, nämlich als ein Mangel an Wahrheit.Die Existenz Gottes ist in diesem Sinne die erste aller Wahrheiten, aus der alle andere, auch bereits das cogito sum, folgen.gifDem scheint zu widersprechen, wenn Descartes Gott als unbegreiflich beschreibt. Wenn die Gottesidee nicht begreifbar ist, wie kann sie dann Voraussetzung aller weiteren Erkenntnis sein? Für Descartes reicht aber ein unbildlicher, relativ inhaltsarmer Gottesbegriff aus. Niemand braucht sich unter dem unendlichen Wesen etwas vorstellen zu können, vielmehr ist sein Begriff bereits in dem Eingeständnis gefasst, man könne sich so etwas nicht vorstellen.gifDescartes unterscheidet in einem Brief vom 27. Mai 1630 das Begreifen (comprendre) vom Wissen oder Kennen (sçavoir).
Ich sage ,ich weiß` und nicht, dass ich erfasse oder verstehe, denn man kann wissen, dass Gott unendlich und allmächtig ist, auch wenn unsere Seele endlich ist und ihn weder verstehen noch begreifen kann. Ebenso können wir mit den Händen wohl einen Berg berühren, aber ihn nicht umfassen wie einen Baum (...): Denn begreifen, das ist Umfassen mit dem Geiste, aber um etwas zu kennen, reicht es, es mit dem Denken zu berühren.gif
Der Idee, die wir von Gott haben, entspricht metaphorisch eine Berührung mit dem Unendlichen, das wir nicht begreifen können.gif In den Meditationen spricht Descartes vom `einem gewissen anrühren' oder `erreichen' der Gottesidee.gif Auch die anima separata der Scholastiker hatte Gott durch eine Berührung erkannt.gif Wie man etwas kennen kann, ohne es zu begreifen, erläutert Descartes noch auf andere Weise. Er schreibt, die Idee Gottes sei nicht nur klar und deutlich, sondern die klarste und deutlichste von allem Ideen. Nicht zuletzt deswegen ist Gott die erste aller Substanzen. Das Merkmal, das die Gottesidee als deutliche von allen anderen Ideen unterscheidet, ist eben die Unbegreiflichkeit. Nur die Idee von etwas unbegreiflichen kann von allen begreiflichen Ideen verschieden sein. Klar ist die Gottesidee nicht in dem Sinne, dass alle Merkmale Gottes in ihr enthalten wären. Dies macht gerade die Unbegreiflichkeit aus. Es sind aber zwei sehr wesentliche positive Merkmale in der Gottesidee (oder genauer: der Vorstellung ihres Gegenstands) enthalten. Erstens ist sicher, dass Gott unendlich ist und alle Vollkommenheiten besitzt. Zweitens ist sicher, dass er eine Einheit ist.gif Einen Begriff verwenden zu können, bedeutet, Dinge unterscheiden zu können, auf die er passt, von solchen, auf die er nicht passt. Wer den Begriff des Dreiecks beherrscht, kann ebenso gut alle Dreiecke als solche identifizieren wie alle Nicht-Dreiecke. Er kann sie nicht alle aufzählen, aber die Frage ,Ist dies ein Dreieck?` kann er für alle Dinge, Dreiecke und Nicht-Dreiecke, entscheiden. Der Begriff des Dreieckes unterscheidet sich in dieser Hinsicht nicht von dem des Nicht-Dreiecks: Mit Letzterem ließe sich ebenso gut umgehen.Genauso geht es mit den Begriffen des Endlichen und des Unendlichen. Wer fragt ,Ist dies endlich?`, könnte genauso gut fragen ,Ist dies unendlich?`. Wo die erste Frage mit ,Nein` zu beantworten war, ist nun einfach ,Ja` zu antworten, die Verfahren aber, die Frage zu entscheiden, bleiben dieselben. Beide Begriffe setzen sich gegenseitig voraus, indem sie inhaltlich, bis auf Negation, gar nicht verschieden sind.Nun kommt für den Begriff des Unendlichen eine bedenkliche Eigenart hinzu. Etwas von anderem zu unterscheiden, bedeutet oftmals, eine gewisse Endlichkeit beider Begriffe aufzuzeigen. Der Bereich der Dreiecke ist in dem Sinne endlich, dass man sagen kann, was nicht ein Dreieck ist. Man zieht beim Gebrauch des Begriffes ,Dreieck` eine Grenze zwischen zwei Bereichen, dem der Dreiecke und dem der Nicht-Dreiecke. Damit sind beide Bereiche umgrenzt und nicht allumfassend. Der Begriff des Unendlichen, wenigstens der der Unendlichkeit Gottes, arbeitet aber mit der Unterscheidung der Eingegrenztheit von der Nicht-Eingegrenztheit selbst. Gott ist allumfassend, alles andere nicht. Daher ist die Idee des Nicht-Eingegrenzten implizit in jeder Idee eines Eingegrenzten enthalten.gif
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