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Verantwortliche Gesinnung

 Max Weber hat den Verantwortungsbegriff nicht unwesentlich geprägt, indem er zwischen Gesinnungsethik und Verantwortungsethik unterschied. Was im Rahmen dieser Arbeit als Verantwortung gilt, ist aber eher eine Mischform, gewissermaßen eine verantwortliche Gesinnung. Da es um die vorgängige und aktive Übernahme von Verantwortlichkeit gehen soll, werden die Folgen eines Handelns nur relevant, indem der Handelnde schon im Voraus bereit ist, sie zu tragen. Verantwortliches Handeln in diesem Sinne schließt also ein Interesse für die möglichen Folgen ein, aber nur so weit diese bekannt sein können.Weber eröffnet seinen Vortrag über Wissenschaft als Beruf zwar mit dem Zugeständnis, dass gute Wissenschaft nur mit Leidenschaft zu betreiben sei. Ein leidenschaftsloser Forscher ,,bleibe der Wissenschaft nur ja fern``.gif Allerdings komme es gerade dann hauptsächlich darauf an, ,rein der Sache` zu dienen.gif Weber unterscheidet hiermit zwischen einer angemessenen Leidenschaft, die den Wissenschaftler dazu führt, aufrichtig und wahrhaftig zu sein, und anderen Leidenschaften, die ihn davon ablenken würden. Damit entsteht ein komplizierteres Bild als bei der bloßen Gegenüberstellung von Leiblichkeit und Körperlichkeit. Der Wissenschaftler muss sich nicht einfach von den Leidenschaften und der Sinnlichkeit abwenden, sondern er mussverschiedene Standards der Richtigkeit unterscheiden, die sich aus verschiedenen Leidenschaften ergeben. Wissenschaftlich ist nur der Standard der Wahrheit, nicht der der politischen Richtigkeit oder moralischen Güte.Während in der Wissenschaft noch diejenigen zu Webers Gegnern gehörten, die (a) Eingebung und Leidenschaft nicht klar als ein sich verlieren in der Sache erkennen und (b) aus Sacherkenntnissen weltanschauliche Anleitungen ableiten zu können glauben, verhält es sich in seinem Vortrag zur Politik als Beruf anders. Webers Kontrastfigur zum Politiker ist zwar auch, wie oft bemerkt, der ,Heilige`, der nach der Bergpredigt handelt, aber ebenso der Beamte. Der Beamte zeichnet sich durch eine Qualität positiv aus, die dem Wissenschaftler zugute käme: ohne Zorn und Eifer, sine ira et studio, seines Amtes zu walten. Gerade darin unterscheidet sich von ihm der Politiker.
Parteinahme, Kampf, Leidenschaft - ira et studium - sind das Element des Politikers.gif
Eben aufgrund dieser Eigenschaften steht der Politiker unter dem Prinzip der Verantwortung.
Ehre des politischen Führers, also: des leitenden Staatsmannes, ist dagegen gerade die ausschließliche Eigenverantwortung für das, was er tut, die er nicht ablehnen oder abwälzen kann und darf.gif
Dieses Verantwortungsprinzip steht wohlgemerkt noch nicht im Gegensatz zu einer Gesinnungsethik. Es ist gerade der Beamte, von dem man fordern würde, ohne Gesinnung zu handeln, gerade weil er ja die Verantwortung auch nicht trägt. Im Gegenzug erscheint Politik da, wo sie gesinnungslos betrieben wird, als verantwortungsloses Geschäft von Beamten.gifFür den Politiker ist es mit reiner Sachlichkeit nicht getan.
Sie macht nicht zum Politiker, wenn sie nicht, als Dienst an einer ,Sache`, auch die Verantwortlichkeit gegenüber ebendieser Sache zum entscheidenden Leitstern des Handelns macht.gif
Der Politiker hat sich also vor derselben Sache, der er sich hingibt, zu verantworten. Diese ,Sache` kann naheliegenderweise die res publica sein.gif Darin liegt für Weber auch der Grund, warum sich der Wissenschaftler nicht vor seiner Sache verantworten muss: die ,öffentliche Sache` ist nicht seine Sache. Trotz dieses Unterschieds folgt jedoch für beide daraus dasselbe: Sie brauchen Augenmaß für je ihre Sachlichkeit.gif Die bekannte Diskussion, die die Ethik der Bergpredigt von der Verantwortungsethik abgrenzt, folgt erst bei ungefähr diesem Stand der Problemlage. Es war bereits zu sehen, dass die Verantwortung aus zwei Eigenarten der politischen Leidenschaft erwächst: (1) politische Leidenschaft hat sich, um der Sachlichkeit willen und aufgrund der Natur ihrer Sache, vor dieser zu verantworten und (2) politische Leidenschaft ist tätig in dem Sinne, dass sie in verbindlicher Weise die Sache ihrer Leidenschaft für die Zukunft gestaltet. Wissenschaftliche Verantwortlichkeit müsste analog gefordert werden, sofern (1) sie mit der Forderung nach Sachlichkeit aus der Spezifik ihres Objekts ensteht oder (2) die Sache, der sie dient, auch von ihr in ähnlich starkem Sinne gestaltet wird.
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