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Next: Drei GrundbegriffeUp: Der Mensch: das undeutliche Previous: Seele individuiert Leib Reale QualitätenIn der Physik lehnt Descartes die Rede von einer Seele als Formprinzip eines Körpers bekanntlich ausdrücklich ab. Er scheint also, wenn er die
Seele als Form des menschlichen Leibes bezeichnet, inkonsequent zu
sein.In einem Brief an Elisabeth vom 29. Juli
1648 vergleicht Descartes die Beseeltheit des menschlichen
Körpers mit der Schwerkraft, die andere Philosophen den
Körpern zugeschrieben haben. Er betont zwar, dass er nicht glaube,
Körper hätten eine solche reale Qualität wie die
Schwerkraft. Die Art und Weise,
wie der Geist im Körper sei, könne man sich aber durchaus
so vorstellen, wie andere sich das Sein der Schwerkraft in den
Körpern vorgestellt haben. Descartes scheint sich hier zu
widersprechen. Einerseits lehnt er die Rede von realen
Qualitäten wie der Schwerkraft ab, andererseits verwendet er sie
in Bezug auf das Verhältnis zwischen Geist und Körper. Hat
Descartes etwa seine grundsätzliche Meinung aufgeben
müssen, es gebe keine realen Qualitäten? Dann wäre er
am psychophysischen Problem wahrhaft gescheitert.Um dies genauer zu
prüfen, müssen die Gründe untersucht werden, die
Descartes gegen die Annahme realer Qualitäten angeführt
hatte.
Finalursachen von etwas geben seinen
Zweck an. Descartes fordert nun, nicht über Zwecke von Dingen zu
sprechen, deren Urheber wir nicht kennen. Da aber der Urheber der
ausgedehnten Natur Gott ist und wir ihn nicht ausreichend kennen,
verbietet sich die Behauptung von Finalursachen im Bereich der
Natur. Anders liegt auch hier der Fall bei Handlungen von Menschen. Und auch sofern es um das
Verhalten von Tieren geht, ist die Rede von Finalursachen nicht
schlechthin zu vermeiden. Schließlich können wir die
Absichten und Ziele von Menschen und vielleicht auch von Tieren
hinreichend gut kennen.Die Forderungen, die Descartes an eine
wissenschaftliche Begriffsbildung der Physik stellt, betreffen also
mit Sicherheit nicht die Rede von der menschlichen Seele.Dass die
physikalische Natur derart strikt von der geistigen Welt zu trennen
sei, versteht sich für einen cartesischen Dualisten freilich von
selbst. Erstaunlicher ist, dass es hier um eine strikte Trennung des
Menschlichen von der körperlichen Natur geht. Die Seele
ist ja nicht als reale Qualität zu verstehen, insofern nur vom
reinen Geist die Rede ist. Denn dann wäre unklar, wessen
Qualität sie sein solle. In der Rede über den Menschen,
nicht etwa in der reinen Metaphysik, wird die Rede von realen
Qualitäten erst sinnvoll. Voneinander getrennt sind damit drei
Redebereiche. Zunächst ist
die Rede vom reinen Geist strikt von der Rede vom bloßen
Körper zu unterscheiden. Für beide gibt es klare und
deutliche Begriffe. Über die Seele oder den Leib des Menschen
kann allein mit diesen klaren und deutlichen Begriffen
(præcise tantùm) jedoch nicht gesprochen
werden. Erst in dem dritten Bereich, der nicht mehr nur präzisen
Rede vom ganzen Menschen, kann von Seele, Leib und deren Verbindung
gehandelt werden. Hier kann auch weiterhin von realen
Qualitäten, substanzieller Einheit und Finalursachen die Rede
sein. Anscheinend hat Descartes einen Bereich von seinen Neuerungen
in der Begriffsbildung ausgenommen. Für die Rede von der Einheit
von Leib und Seele belässt er die alten, sonst überholten
Begriffe in Gebrauch.In Bezug auf den letzteren Redebereich spricht
sich Descartes offenbar nicht gegen finalistische Erklärungen,
etwa anhand von Zwecken und Absichten, aus. Insofern die cartesische Medizin von
beseelten, nämlich menschlichen Körpern handelt, kann auch
sie sich solcher Erklärungen bedienen. Nur so
konnte Descartes der Prinzessin Elisabeth von Böhmen auch den
Rat geben, ihr Gemüt aufzuheitern, um ein Fieber zu heilen. Next: Drei GrundbegriffeUp: Der Mensch: das undeutliche Previous: Seele individuiert Leib |